Lisa M., 34, Projektmanagerin in einem mittelständischen IT-Unternehmen in Stuttgart, kennt das Gefühl gut: „Wenn ich krank bin, denke ich als erstes daran, was meine Kolleginnen dann übernehmen müssten. Ich fühle mich schuldig, wenn ich fehle. Also gehe ich eben. Mit Kopfschmerzen, mit Husten – ich funktioniere halt irgendwie."
Was Lisa beschreibt, hat einen Namen: Präsentismus. Und er ist in Deutschland weit verbreiteter als die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Während der Krankenstand regelmäßig in Schlagzeilen auftaucht und als wirtschaftliches Problem diskutiert wird, bleibt das Gegenteil – das Erscheinen zur Arbeit trotz Krankheit – nahezu unsichtbar.
„Präsentismus kostet mehr als Absentismus. Ein kranker Mitarbeiter, der kommt, arbeitet auf 30 bis 60 Prozent seiner Kapazität – und macht dabei Fehler, die andere reparieren müssen."
Dabei sind die ökonomischen Kosten enorm. Prof. Dr. Sabine Klingner, Arbeitspsychologin an der Universität Mannheim, hat die volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Präsentismus für Deutschland untersucht. Ihr Ergebnis: „Präsentismus kostet mehr als Absentismus. Ein kranker Mitarbeiter, der kommt, arbeitet auf 30 bis 60 Prozent seiner Kapazität – und macht dabei Fehler, die andere reparieren müssen." Ihre Schätzung: 60 bis 80 Milliarden Euro pro Jahr – deutlich mehr als die Kosten durch Fehlzeiten.
In unserer Befragung von 420 Berufstätigen aus verschiedenen Branchen nannten 67 Prozent „Schuldgefühl gegenüber Kollegen" als Hauptgrund für ihr Erscheinen trotz Krankheit. Erst danach folgten Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes (43 Prozent) und Projektdruck (38 Prozent).