„Eigentlich wollte ich Nein sagen, aber dann..." – dieser Satz ist so häufig, dass er fast ein Seufzer geworden ist. Wir kennen ihn aus unserem eigenen Mund, von Freunden, aus Therapeutengesprächen. Die Unfähigkeit, Bitten abzulehnen, ist keine persönliche Schwäche und kein Charakter-Defizit. Sie ist ein erlerntes Muster – und das ist die gute Nachricht, denn Erlerntes lässt sich verlernen.
Dr. Sandra Maier, Psychotherapeutin in Köln, nennt das Phänomen „Grenzamnesie": „Menschen, die chronisch Ja sagen, obwohl sie Nein meinen, haben in der Regel früh gelernt, dass ihre eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind als die der anderen. Das passiert oft in Familien mit wenig emotionalem Raum – wo Liebe an Leistung geknüpft war, oder wo Konfliktvermeidung als Überlebensstrategie diente."
„Grenzen zu setzen ist kein Akt der Kälte. Es ist ein Akt des Respekts – dir selbst und dem anderen gegenüber. Wer keine Grenzen hat, kann sich auch nicht wirklich geben."
Das Ergebnis: ein Nervensystem, das auf Ablehnung mit Alarmreaktionen antwortet – Herzrasen, Magenkribbeln, das Gefühl, etwas Falsches zu tun. Das Schuldgefühl nach einem Nein ist keine moralische Botschaft. Es ist eine konditionierte Reaktion.
„Grenzen zu setzen ist kein Akt der Kälte. Es ist ein Akt des Respekts – dir selbst und dem anderen gegenüber", betont Dr. Maier. „Wer keine Grenzen hat, kann sich auch nicht wirklich geben. Die Ja-Sagerin, die innerlich ächzt, ist in der Beziehung genauso absent wie jemand, der gar nicht da ist."