Eine Drei in Deutsch. Für das eine Kind bedeutet das: knapp bestanden, noch Luft nach oben. Für ein anderes Kind, das mit Legasthenie kämpft und täglich das Dreifache leistet, bedeutet dieselbe Drei: außerordentliche Leistung unter schwierigen Bedingungen. Die Note sagt das nicht. Sie kann es nicht sagen.
Diese fundamentale Schwäche des Ziffernsystems ist in der Bildungsforschung seit Jahrzehnten bekannt – und wird trotzdem kaum diskutiert. Prof. Dr. Elsbeth Stern, Lernforscherin an der ETH Zürich, fasst das Problem prägnant zusammen: „Noten messen keine Kompetenz. Sie messen, wie gut ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, auf einen bestimmten Test reagiert hat."
„Noten messen keine Kompetenz. Sie messen, wie gut ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, auf einen bestimmten Test reagiert hat."
Was Noten aber sehr zuverlässig vorhersagen, ist der Bildungsabschluss der Eltern. Studien zeigen konsistent: Kinder aus akademischen Haushalten bekommen im Schnitt bessere Noten – selbst bei gleicher gemessener Intelligenz und gleichen Testleistungen. Der Grund liegt nicht in versteckten Absprachen zwischen Lehrern und reichen Eltern, sondern in einer Vielzahl subtiler Faktoren: Sprachkompetenz, Ruhezonen zum Lernen, Zugang zu Nachhilfe, Eltern, die wissen, wie man mit Lehrern redet.
Das hat reale Konsequenzen. Die PISA-Studie zeigt für Deutschland seit Jahren, dass kein anderes OECD-Land so stark zwischen Herkunft und Bildungserfolg koppelt. Das Ziffernsystem, so die Kritik vieler Forscher, trägt dazu aktiv bei – indem es eine Objektivität vortäuscht, die es nicht geben kann.